Siechenkonzert
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Zwischen Kunst, Kitsch und Kasperle
Inge Müller SELTERS |
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Glühwürmchen-Kopfschmuck, sogleich umfunktioniert: Die vorderen Reihen avancierten zur Klinikleitung, zu Honoratioren und Sponsoren. Die hinteren Ränge verwandelten sich in Mitpatienten und Pflegepersonal, in Mitarbeiter aus der Putzkolonne, aus Garten und Küche, sowie - nicht zu vergessen - Hausmeister Jupp am Scheinwerfer und die Mitglieder der Laubsäge-, der Macramee- und der Beckenbodengruppe, die beim Zustandekommen dieses Ausnahmeabends tatkräftig mitgeholfen hatten. |
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Wetterauer Zeitung vom 08.09.2006 |
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»Sag beim Abschied leise Servus ...Hans Schwab und sein Ensemble feiern Premiere mit »Über Berge, Täler und Höhn« Ortenberg-Selters (em). Der große Raum des Selterser »Haus Berta« war in warmes Kerzenlicht getaucht. Mit dem Gesang von »Glühwürmchen, Glühwürmchen, glimmre, flimmre« (zweisprachig) begann der »bunte Abend«. Die Zuschauer saßen an Gruppentischchen, ihre Weingläser vor, sich - oder waren es das Leitungsteam des »Sanatoriums Waldesruh« samt Verwaltungsstab, Küchenmannschaft, Pflegeteam und Putzkolonne? Nicht einmal Hausmeister Jupp wurde in der beflissen-ironischen Begrüßung durch den Patienten Horst Sommer (im Normalleben Vertreter, Traumberuf: Dauer-Kurgast) vergessen, ganz zu schweigen von all den - wirklich oder eingebildet - Kranken, die durch die Origami-, Laubsäge-, Makramee- oder Beckenbodengruppe in den Genuss hochkarätiger Rehabilitation kommen. So ironisch-verspielt macht die neue Sommertheater-Inszenierung von Hans Schwab und seinem Ensemble »Über Berge, Täler und Höhn - Der bunte Abend« das Publikum zu Akteuren. Die neue Produktion ist eine Verbeugung vor einem unentbehrlichen Element abendländischer Kultur: dem »bunten Abend« mit all seinen Bemühtheiten, Pannen, Peinlichkeiten und geheimen Reizen. Da ist ja nicht nur Conferencier Horst Sommer auf der Bühne, umwerfend komisch gibt Hans Schwab den Berufs-Charmeur. Schon allein das Goldlamé-Kleid von Bauunternehmersgattin Renate-Maria Schmid (Margret Gilgenreiner) ist erfrischend. Was auch immer an seelischen Ursachen hinter ihrer Migräne stecken mag - krankhafte Bescheidenheit ist es nicht. Tragik liegt über Studienrat Hans-Dieter Becker (»...a. D. bitte, a.D.!«), dargestellt von Andreas Novak. Seine Magengeschwüre plagen ihn ebenso wie sein Zivilisationspessimismus, mehr aber noch das verzweifelte Bemühen, das kulturelle Niveau und die gesangliche Leistung des Bunten-Abend-Ensembles zu heben. Traumatisiert durch mancherlei kulturelle Niveaulosigkeit ist auch Bibiliotheksleiterin Ilona von Holzacker (Ronka Nickel) mit schwarzem Velours-Stirnband und Straußenfeder im ArtDéco-Stil. Die Hochsensible mit ihren Schlafstörungen kann keine Konflikte ertragen. Was Wunder,, dass sie öfter einem beleidigten Teenager gleich nach draußen stürzt? Ja, die beiden - denn da ist ja noch Lernschwester Sylvie (Tanja Fehen), einsüßes. junges Ding, .dessen Herzchen eben die erste große Liebe bewegt. Häufiger Handykontakt muss die Leidenschaft am Kochen halten - bis der schicksalhafte Moment kommt und der Freund Schluss macht. Und was hält all diese tragikomischen Gestalten zusammen? Natürlich das Programm, auch wenn sich das Niveau nicht ganz auf der von Studienrat a. D. Becker gewünschten kulturellen Höhe hält. Umso mehr amüsieren sich die Zuschauer über die hinreißende Mischung vorn gut gemachter Live-Musik, Wiener Liederseligkeit (fünfstimmig) und Beziehungskisten. Da erklingt »Kleines Haus am Wald«, und die Sänger schauen durch die eigens von der Laubsäge-Gruppe geschaffenen Tannenbäumchen (mit Guckloch) und versprühen Fichtennadel-Duft. »Over the flowers« - Studienrat Becker hat »Über den Wolken« für seinen Sohn umgedichtet, und Horst Sommer samt Schwester Sylvie flattern in Fliegerhelmen mit den Armen. Horst Sommer, den nicht nur der Absagebrief der BfA (»Das war meine letzte Kur!!!«), sondern auch eine überstarke Mutterbindung plagt, hat mit harter Hand die Reime für eine Eigenversion von »Schlaf ein, mein Junge« geschmiedet und bekommt ein herzstärkendes »Sag beim Abschied leise Servus« von der Gruppe zugesungen. Das Kultur-Team schreckt vor nichts zurück: Kasperle und Großmutter erscheinen, Studienrat Becker und Bibliotheksleiterin von Holzhäcker quälen sich durch einen Sketch, der mit dem Dolchstich der Darstellerin ins eigene Herz endet. Mag die Kultur-Crew auf der Bühne am Leben scheitern, ihre Instrumente (Gitarre, Melodica, Kontrabass, Blockflöte, Ukulele, ja, selbst so Exotisches. wie Hackbrett) beherrschen die fünf souverän und machen mitreißende Musik. Und so benahm sich auch das Premierenpublikum wie bei jedem gelungenen »bunten Abend«. Es gab keine Ruhe, und eine Zugabe folgte der anderen. Die »Barcarole« von Offenbach, auf Glasflaschen geblasen, bleibt unvergesslich. »Über Berge, Täler und Höhn« ist vom 8. bis 10., 15. bis 17. und 22. bis 24. September zu sehen. Beginn jeweils um 20.30 Uhr, an den Sonntagen um 18.30 Uhr, die Gastronomie macht eine Stunde vorher auf. Karten gibt es bei der Sparkasse in Ortenberg, beim Kompetenzzentrum Ortenberg, im Büdinger Naturkostladen Soja. Ticketversand ist möglich über die Stadtverwaltung Ortenberg (Tel. 06046/800041) oder per e-Mail: stadtkasse@ortenberg.net. |
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