Kritiken zum Sommertheater 2006

Siechenkonzert

"Über Berge, Täler und Höh'n"


 

Kreisanzeiger vom 05.09.06:

Zwischen Kunst, Kitsch und Kasperle


Premiere des Bunten Abends "Über Berge, Täler und Höh´n" in Selters - "Willkommen im Sanatorium Waldesruh´"

Inge Müller SELTERS
"Morgen stell´ ich einen Kurantrag." Mit diesem begeisterten Zuruf sprach der Zuschauer wohl allen aus dem Herzen, die an diesem Abend den Weg in das Haus Bertha auf dem Gelände der einstigen Benedictus-Klinik in Selters gefunden hatten. Für gut eineinhalb Stunden verwandelten Hans Schwab (als Musiklehrer und Dauerkurgast Horst Sommer), Ronka Nickel (Fräulein Holzauer aus der Macramee-Gruppe), Margret Gilgenreiner (Bauunternehmergattin Renate Schneider), Tanja Felten (Schwester Silvi) und Andreas Novak (Oberstudienrat a.D. Hans-Dieter Becker) dieses Ambiente nämlich ins "Sanatorium Waldesruh´" und diese Zeitspanne in einen unnachahmlichen "Bunten Abend". Auch das Publikum wurde nach dem Eingangssong "Shine little glowworm", samt passendem 

Glühwürmchen-Kopfschmuck, sogleich umfunktioniert: Die vorderen Reihen avancierten zur Klinikleitung, zu Honoratioren und Sponsoren. Die hinteren Ränge verwandelten sich in Mitpatienten und Pflegepersonal, in Mitarbeiter aus der Putzkolonne, aus Garten und Küche, sowie - nicht zu vergessen - Hausmeister Jupp am Scheinwerfer und die Mitglieder der Laubsäge-, der Macramee- und der Beckenbodengruppe, die beim Zustandekommen dieses Ausnahmeabends tatkräftig mitgeholfen hatten.
Was sich anschließend unter dem Motto "Über Berge, Täler und Höh`n" auf der Bühne entfaltete, war mehr als eine Parodie auf den "Bunten Abend" an sich als feststehende kulturelle Größe, mehr als eine umwerfend witzige Gratwanderung zwischen Kunst, Kitsch und Kasperle für Gesundheitsreform-Geschädigte. Neben einem Feuerwerk an Volksliedern und Wiener Kaffeehaus-Schmäh - exzellent und meist in fünfstimmigem Satz vorgetragen - sowie Klängen von Melodica bis Zither, singender Säge bis Waschbrett, Kontrabass, Blockflöte, Ukulele, Akkordeon, Trompete und Maultrommel, kamen auch die zwischenmenschlichen Töne nicht zu kurz. Da schmurgeln leise Rivalitäten zwischen Frau Schneider und Schwester Silvi, da widersetzt sich der Oberstudiendirektor der Tabletteneinnahme, indem er die bittere Pille schwungvoll über die Rampe spuckt, da wird auf offener Bühne geflirtet, gestritten, gehasst und geliebt, gelitten und gelacht, um den Ablauf des Programms gefochten und dann doch wieder an einem Strang gezogen.
Bei "Über den Wolken", einem Song von Oberstudienratdirektor a.D. Becker, den er seinem Sohn Reinhard widmet, sind der heiß umworbene Horst Sommer und Schwester Silvi als Fluggeschwader zu bewundern. "Buena Notte" bietet Platz für eine furiose Rumba-Tanzeinlage, für "Vaya con dios" benötigt man die von der Macrameegruppe verzierten Sombreros, für "Kleines Haus am Wald" die Tannenbäume des Laubsägenteams und etwas Nadelduft aus der Sprühdose. Das Publikum erhält einen gesundheitsorientierten Grundkurs im Jodeln, basierend auf den Grundvokabeln "Cholera - Diarrhoe - Ruuuhr!" Derart auf das Anliegen des Sanatoriums eingestimmt, trifft auch das bissige Kasperletheater der beiden beteiligten Herren ins Schwarze. In den Hauptrollen glänzen hier Kasperle und seine arthrosegeplagte Großmutter, Dr. Zwackelmann sowie die einem Krokodil überaus ähnliche Oberschwester Lore. Natürlich darf auch ein Sketch von Musiklehrer Schwarz und seinem Kurschatten Renate Schneider nicht fehlen, der aber vor lauter Abschiedsweh unversehens zum Melodram mutiert.
Trotz allem: "Heimat ist da, wo´s hinhaut" stellt die pragmatische Bauunternehmergattin, sich wieder fassend, fest. Und hinhauen tut es allemal bei dieser Traumtruppe mit ihren fünf sehr unterschiedlichen, darstellerisch perfekt umgesetzten Charakteren. Jenseits aller Seitenhiebe und Bissigkeiten sind sogar echte Rührung und leise Melancholie erlaubt, wie sie gerade bei den alten, liebevoll aufpolierten Wiener Liedern kaum ausbleiben. Dafür kommt man bei "Davon geht die Welt nicht unter" wieder ins Schunkeln. Die Zugaben werden auf Flaschen gepfiffen beziehungsweise vom gähnenden Hund des Hauses stilvoll bereichert, "Weil´s nachher Zeit ist".
Der Bunte Abend "Über Berge, Täler und Höh´n" wird nach dieser Premiere noch am 2., 8. bis 10., 15. bis 17. sowie 22. bis 24. September im "Haus Bertha" gegeben. Beginn der Aufführung ist jeweils um 20.30 Uhr, sonntags um 18.30 Uhr, Einlass ist eine Stunde vorher. Kartenbestellungen (18 Euro, ermäßigt 15 Euro) sind bei der Stadtverwaltung Ortenberg oder im Internet unter stadtkasse@ortenberg.net möglich, der Kartenvorverkauf läuft bei der Sparkasse Oberhessen in Ortenberg sowie im Naturkostladen Soja in Büdingen. Eine Fotoausstellung von Laura Melzer unter dem Motto "Sommertheater im Laufe der Jahre" ergänzt als informative Retrospektive die schauspielerische Darstellung.


Wetterauer Zeitung vom 08.09.2006

»Sag beim Abschied leise Servus ...

Hans Schwab und sein Ensemble feiern Premiere mit »Über Berge, Täler und Höhn«

Ortenberg-Selters (em). Der große Raum des Selterser »Haus Berta« war in warmes Kerzenlicht getaucht. Mit dem Gesang von »Glühwürmchen, Glühwürmchen, glimmre, flimmre« (zweisprachig) begann der »bunte Abend«. Die Zuschauer saßen an Gruppentischchen, ihre Weingläser vor, sich - oder waren es das Leitungsteam des »Sanatoriums Waldesruh« samt Verwaltungsstab, Küchenmannschaft, Pflegeteam und Putzkolonne? Nicht einmal Hausmeister Jupp wurde in der beflissen-ironischen Begrüßung durch den Patienten Horst Sommer (im Normalleben Vertreter, Traumberuf: Dauer-Kurgast) vergessen, ganz zu schweigen von all den - wirklich oder eingebildet - Kranken, die durch die Origami-, Laubsäge-, Makramee- oder Beckenbodengruppe in den Genuss hochkarätiger Rehabilitation kommen.

So ironisch-verspielt macht die neue Sommertheater-Inszenierung von Hans Schwab und seinem Ensemble »Über Berge, Täler und Höhn - Der bunte Abend« das Publikum zu Akteuren. Die neue Produktion ist eine Verbeugung vor einem unentbehrlichen Element abendländischer Kultur: dem »bunten Abend« mit all seinen Bemühtheiten, Pannen, Peinlichkeiten und geheimen Reizen.

Da ist ja nicht nur Conferencier Horst Sommer auf der Bühne, umwerfend komisch gibt Hans Schwab den Berufs-Charmeur. Schon allein das Goldlamé-Kleid von Bauunternehmersgattin Renate-Maria Schmid (Margret Gilgenreiner) ist erfrischend. Was auch immer an seelischen Ursachen hinter ihrer Migräne stecken mag - krankhafte Bescheidenheit ist es nicht. Tragik liegt über Studienrat Hans-Dieter Becker (»...a. D. bitte, a.D.!«), dargestellt von Andreas Novak. Seine Magengeschwüre plagen ihn ebenso wie sein Zivilisationspessimismus, mehr aber noch das verzweifelte Bemühen, das kulturelle Niveau und die gesangliche Leistung des Bunten-Abend-Ensembles zu heben.

Traumatisiert durch mancherlei kulturelle Niveaulosigkeit ist auch Bibiliotheksleiterin Ilona von Holzacker (Ronka Nickel) mit schwarzem Velours-Stirnband und Straußenfeder im ArtDéco-Stil. Die Hochsensible mit ihren Schlafstörungen kann keine Konflikte ertragen. Was Wunder,, dass sie öfter einem beleidigten Teenager gleich nach draußen stürzt? Ja, die beiden - denn da ist ja noch Lernschwester Sylvie (Tanja Fehen), einsüßes. junges Ding, .dessen Herzchen eben die erste große Liebe bewegt. Häufiger Handykontakt muss die Leidenschaft am Kochen halten - bis der schicksalhafte Moment kommt und der Freund Schluss macht.

Und was hält all diese tragikomischen Gestalten zusammen? Natürlich das Programm, auch wenn sich das Niveau nicht ganz auf der von Studienrat a. D. Becker gewünschten kulturellen Höhe hält. Umso mehr amüsieren sich die Zuschauer über die hinreißende Mischung vorn gut gemachter Live-Musik, Wiener Liederseligkeit (fünfstimmig) und Beziehungskisten. Da erklingt »Kleines Haus am Wald«, und die Sänger schauen durch die eigens von der Laubsäge-Gruppe geschaffenen Tannenbäumchen (mit Guckloch) und versprühen Fichtennadel-Duft. »Over the flowers« - Studienrat Becker hat »Über den Wolken« für seinen Sohn umgedichtet, und Horst Sommer samt Schwester Sylvie flattern in Fliegerhelmen mit den Armen. Horst Sommer, den nicht nur der Absagebrief der BfA (»Das war meine letzte Kur!!!«), sondern auch eine überstarke Mutterbindung plagt, hat mit harter Hand die Reime für eine Eigenversion von »Schlaf ein, mein Junge« geschmiedet und bekommt ein herzstärkendes »Sag beim Abschied leise Servus« von der Gruppe zugesungen.

Das Kultur-Team schreckt vor nichts zurück: Kasperle und Großmutter erscheinen, Studienrat Becker und Bibliotheksleiterin von Holzhäcker quälen sich durch einen Sketch, der mit dem Dolchstich der Darstellerin ins eigene Herz endet. Mag die Kultur-Crew auf der Bühne am Leben scheitern, ihre Instrumente (Gitarre, Melodica, Kontrabass, Blockflöte, Ukulele, ja, selbst so Exotisches. wie Hackbrett) beherrschen die fünf souverän und machen mitreißende Musik.

Und so benahm sich auch das Premierenpublikum wie bei jedem gelungenen »bunten Abend«. Es gab keine Ruhe, und eine Zugabe folgte der anderen. Die »Barcarole« von Offenbach, auf  Glasflaschen geblasen, bleibt unvergesslich.

»Über Berge, Täler und Höhn« ist vom 8. bis 10., 15. bis 17. und 22. bis 24. September zu sehen. Beginn jeweils um 20.30 Uhr, an den Sonntagen um 18.30 Uhr, die Gastronomie macht eine Stunde vorher auf. Karten gibt es bei der Sparkasse in Ortenberg, beim Kompetenzzentrum Ortenberg, im Büdinger Naturkostladen Soja. Ticketversand ist möglich über die Stadtverwaltung Ortenberg (Tel. 06046/800041) oder per e-Mail: stadtkasse@ortenberg.net.