Hans Schwab faszinierte im Saal Lux mit Kafkas „Bericht für eine Akademie“ und von Wildenbruchs „Hexenlied“
| Florstadt (hau). Warmes Kerzenlicht verströmt Heimeligkeit. In den Gläsern funkelt roter Wein, Herbstlaub ziert die Tische, und die Menschen sind ins Gespräch vertieft. Atemlose Stille macht sich breit, als aus dem Dunkel der Nacht ein wundersames Wesen auftaucht. Halb Mensch halb Tier schiebt es sich durch die Stuhlreihen, erklimmt behende wie ein Affe, die Bühne und bedient sein Grammophon. - Zum knisternden „Ave Maria“ gönnt es sich ein Gläschen Wein, starrt aus klugen Augen in die gebannt wartende Menge - und schweigt. Zunächst jedenfalls. Schon bald wird klar, dass dieses behaarte Wesen im Frack viel zu erzählen hat. Im Dunkel der Fantasie dagegen bleibt, ob Mensch in Affengestalt oder eher umgekehrt. „Ihr Affentum, meine Herren, sofern Sie etwas derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine“, beginnt (Ex)Affe Rotpeter doppeldeutig seinen Bericht an die Akademie. Gleichnamige berühmte Erzählung von Franz Kafka schildert die wundersame Entwicklung eines für den Zirkus eingefangenen Affen hin zur, „Mensch“werdung. Seit vielen Jahren haucht der Ortenberger Schauspieler Hans Schwab seiner faszinierenden „Lieblingsfigur“ Leben ein und dem staunenden Publikum die magische Ahnung davon, was Kunst kann. Wären die zahlreichen Besucher im Saal Lux nicht derart betroffen vom tiefen Sinn, der hohen Schauspielkunst und der perfekten Maske gewesen, sie hätten den Auftakt zur jüngsten Kleinkunstveranstaltung der Kulturinitiative Florstadt mit Ovationen gefeiert. | ![]() |
So entließen sie den Schwabschen Affenmenschen mit bewegtem Applaus in die Pause um ihn wenig später als tragische Hauptfigur in Ernst von Wildenbruchs Konzertmelodrama „Das Hexenlied“ wieder in ihrer Mitte aufzunehmen. Am Klavier mit Max von Schillings Musik kongenial begleitet wurde der sprachgewandte Mime jetzt von. Anja Hoffmann, die feinsinnige Regie lag in Händen von Ronka Nickel. Hin- und hergerissen zwischen dem Versprechen an Gott und der Liebe einer unschuldigen Frau, überlässt Schwab als junger Mönch die vermeintliche Hexe der Inquisition, um schließlich an seiner schweren Schuld zu zerbrechen. Für Florstadt kombinierte der begnadete Mime erstmalig Kafkas Affen mit einem Stück aus, seinem Tourneeprogramm „Schaurig... schön!“ - Melodramen und Balladen um Liebe, Leid und Lust. Mit Veranstalter und Publikum war er selbst angetan von der Idee, trafen doch beide Stücke ins Zentrum des eigentlichen Anlasses: mahnende Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 und Hinwendung zur Definition von Freiheit und Menschenwürde.
Wie man Kafkas „Bericht“ auch dreht und wendet, ob als Satire auf die Assimilation des Westjudentums, als autobiografische Sehnsucht des Schriftstellers nach Symbiose mit dem Publikum oder der Problematik eines Doppellebens zwischen Büro und Beruf; ob als Bild für Kafkas Verzicht, auf das Ausleben seines Sexuallebens zugunsten. seiner Schriftstellerexistenz oder dem Affen als wissendem Narren, der den Menschen den Spiegel vorhält - es bleibt die Vermutung, dass Kafka alle Facetten ironisch brach und einbaute. Vor allem aber studierte er Darwins Evolutionstheorie, besteht auf dem Autonomieanspruch subjektiver Wahrheiten und fremder Lebenswelten, um sich vehement gegen die sozial-darwinistische Einteilung menschlichen Lebens in „nützlich“, „schädlich“ oder „lebensunwert“ zu wenden.
Zunächst noch nachdenklich, aber keinesfalls betrübt und recht heiter saßen im neuen kommunalen Florstädter Kulturzentrum Gäste und Künstler noch lange beisammen, genossen die dichte Atmosphäre, Wein und Gebäck, stöberten in literarischer Kost zur Thematik des Abends und trugen neben neuen Einsichten in die Schöpfung Mensch die frohe Kunde nach außen, dass sich das historische Kleinod in kürzester Zeit zu einer wahren Oase für Kunstschaffende und Genießer mauserte. Zum hervorragenden Gelingen trugen neben den Künstlern die Kulturbeauftragte Karola Backes und ihre Mitstreiterinnen von der Gemeindeverwaltung, »Lux«-Hausmeister und Team sowie das Florstädter Weinkontor und „Buch & Natur“ bei.
(Wetterauer Zeitung 15.11.2002)
Kafkas »Bericht für eine Akademie« von Hans Schwab für Kenner interpretiert
Erlenbach. Das Foyer der Erlenbacher Kino-Passage war verändert: Ein Affe stand vor einer provisorischen Kasse, das »Ave Maria« und »Die Himmel rühmen des Mächtigen Ehre« ertönten vom Lautsprecher, der »Affe« trank Rheinpfälzer Rotwein - einige Dutzend Besucher lösten bei ihm die Eintrittskarten und bezahlten die geforderten 12 Mark.
75 Jahre ist es her, seit Franz Kafka seinen »Bericht für eine Akademie« veröffentlicht hat. Er ist heute so aktuell wie eh und je. Der Affe Rotpeter erklärt einer fiktiven Akademie, er könne den gewünschten Bericht nicht vorlegen, denn die fünf Jahre, in denen er sich von seinem Affentum emanzipiert habe und Mensch geworden sei, lasse eine authentische Wiedergabe seiner Gefühle und Eindrücke nicht mehr zu. »Ihr Affentum, meine Herren, sofern Sie etwas Derartiges hier sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine«; damit bezieht der »Affe« das Publikum in seinen einstündigen Monolog mit ein.
Daß ein Affe vor einer hochlöblichen Akademie über sein Schicksal Rechenschaft gibt, gab Franz Kafka (1924 gestorben) die willkommene Gelegenheit, über sein eigenes isoliertes und hoffnungsloses Leben zu resümieren. Einer der größten deutschsprachigen Dichter unseres Jahrhunderts hat mit dem »Bericht für eine Akademie« ein Vermächtnis hinterlassen. Offensichtlich interessieren sich heute Literaturwissenschaftler mehr für diese Selbstpreisgabe als das Publikum: Warum wären sonst nur etwa 30 Literaturfreunde in die Kinopassage gekommen? Die Wissenschaftler dagegen, die über den Prosatext räsoniert haben, sind Legion. Schon allein die verschiedenen Interpretationsansätze für den »Affen« zeigen das germanistische Interesse und beweisen gleichzeitig die unterschiedlichen Erklärungsmöglichkeiten: Stellt der Affe Rotpeter etwa einen typischen Westjuden dar, der westliche Lebensweisen kritiklos nachahmt? Spiegelt der Affe Kafkas Doppelleben zwischen Büroberuf und Schreiben? Wollte der Autor den Widerspruch zwischen Triebunterdrückung und Zivilisation darstellen, wie psychoanalytische Ansätze nahe legen? Oder aber - so eine weitere Erklärung - wollte Kafka mit seinem Text Stellung gegen den damals aufkommenden Darwinismus beziehen, der das Leben in »schädlich«, »nützlich« und »lebensunwert« trennte?
Hans Schwab, der das Kafkasche Musterstück für Schauspieler seit fünf Jahren zeigt, stellte den Affen auf dem »Höhepunkt« seiner Entwicklung zum Menschen dar. Seine Begrüßung der leider spärlichen, dafür aber umso sachkundigeren Besucher erwies sich im Verlauf der Aufführung als durchgehend überzeugend: »Ich habe mit Hagenbeck, der mich gefangen hat, so manches Glas Rotwein geleert«: Dieses Bekenntnis Rotpeters macht Sinn, wenn man Schwabs Verhalten im Foyer erklären will. Der Versuch, an einem Keyboard das »Ave Maria« zu intonieren, war durch das »Vorspiel« ebenfalls vorbereitet worden. Viele Sätze Kafkas, die Schwab pointiert vortrug, zeigten die Bedeutung dieses 75 Jahre alten Textes für unsere Zeit: Daß »Affen mit dem Bauch denken«, daß der Affe nicht »Freiheit, sondern nur einen Ausweg« sucht, daß er bekennt: »Es war so leicht, die Menschen nachzuahmen« und sich selbst als »sehr dressurfähig« bezeichnet. All dies weist auf außerordentlich bedenkliche Merkmale unseres »bedenkenlosen« Alltagslebens hin.
Kafkas Prosa ist schon oft dramatisiert worden. Auch der Schreiber dieses Berichts hat schon drei andere Interpretationen kennen gelernt. Gerade deshalb ist Schwabs Leistung besonders hervorzuheben. Sein Ausgangspunkt, daß der Affe auf einem Höhepunkt seiner Menschenähnlichkeit angelangt sei, ist hervorragend umgesetzt. Daß er in seinen Reden nur mit einem Wort Probleme hat, nämlich mit Affe, ansonsten aber geradezu populistische Fähigkeiten besitzt, daß er auf einem Stuhl, der einem Barhocker erstaunlich ähnlich sieht, sich dem Publikum präsentiert, daß er von den Menschen unter vielen Widerständen das Trinken von Alkohol beigebracht bekommt - all dies ist Teil der Interpretation des Künstlers, die insgesamt voll überzeugen kann. Selten dürfte eine derart schlüssige und intensive Schauspielerleistung in Erlenbach zu sehen gewesen sein. Daß die »Passage«-Bühne und das geradezu handverlesene Publikum für Schwabs Vorstellung eine glänzende Voraussetzung boten, sollte die Organisatoren des Abends über den eher enttäuschenden Zuspruch hinwegtrösten. Qualität hat es eben immer etwas schwerer, sich durchzusetzen, als mittelmäßige Anspruchslosigkeit.
Dr. Heinz Linduschka
Hans Schwab gastierte mit Kafkas "Bericht für eine Akademie"
,Man könnte sich vorstellen, daß es Affen geben mag, die so von ihrer Würde und ihrem Weg überzeugt sind, daß sie die Darwinsche Theorie, der Mensch stamme vom Affen ab, glattweg ablehnen würden." Dieser charakteristische Satz war im Programmheft zu Franz Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie" zu finden, mit dem der Schauspieler Hans Schwab, Gründer der "Compagnia mobile" aus Ortenberg, im Einstein Haus gastierte.
Hans Schwab stellte in dem 1917 entstandenen Ein-Mann-Stück den Affen namens Rotpeter dar, der von seiner mühsamen Entwicklung zu einem denkenden Wesen seit seiner Gefangennahme an der afrikanischen Goldküste erzählt. Vor tiefschwarzem Hintergrund, in grelles Licht getaucht, saß ein misstrauisch blickender Affe, bekleidet mit einem schwarzen Anzug, auf einem hohen rustikalen Stuhl in sich zusammengekauert. In Mimik und Gestik noch recht unbeholfen und äffisch. rechtfertigte sich Rotpeter vor dem Publikum, legte dar warum er sich im Lauf der Schiffsreise zur "Menschwerdung"- entschlossen hatte - der einzige Ausweg, dem zoologischen Garten und den ewigen Gitterstäben zu entgehen, war Anpassung: „Affen gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand ... Nun, so hörte Ich auf, Affe zu sein.“
Es erscheint auf seltsame Weise schizophren, wie der in seinem Aussehen doch ganz der Affenwelt Angehörige über die Bedeutung existentieller Schuld mühelos doziert und dabei Mensch und Affe erschreckend nahe zusammenrückt: "Es war so leicht die Menschen nachzuahmen.. In scheinbarer Abgeklärtheit, dann wieder in plötzlichen Gefühlsausbrüchen voll Bitterkeit und Resignation schildert der Affe, weshalb die Flucht in die Freiheit nicht zu wählen war - man hätte ihn wieder eingefangen und in einen noch größeren Käfig gesteckt.
Er handelt damit gemäß dem kafkaesken Schema, nach welchem die Entscheidung für die Freiheit notwendigerweise im Tod enden würde; "...Vielleicht hätte ich es auch bis zum Deck geschafft. Ich wäre über Bord gesprungen, eine Zeitlang in der offenen See geschwommen und dann jämmerlich ersoffen.. Was liegt – nach menschlichen Maßstäben - also näher, als auf die Erziehungsversuche der Matrosen trotz großer Opfer einzugehen und den "Ausweg Mensch" anzutreten? Und so scheint niemand anders auf dem hohen Stuhl zu sitzen als ein kleiner, vergreister Mensch, dem die Erkenntnis den Weg in die Freiheit konsequent versagt.
Rotpeters Willigkeit zu gehorchen, sich Institutionen der menschlichen Gesellschaft und des Staates zu beugen, zieht trotz anfänglicher Abscheu unweigerlich Vereinsamung und Selbstentfremdung nach sich, den Untergang des Individuums in der Masse. Unterstützt durch eine gelungene Maske verstand es Hans Schwab, dem Publikum Kafkas Realität und die Figur des zivilisierten Affen nahezu' bringen. Nach einem etwas abrupten Ende sekundenlange betretene Stille, bevor der Applaus einsetzte, der Applaus der "hohen Herrschaften von der Akademie“ an die der Bericht gerichtet war - ein Applaus, den sich Hans Schwab verdient hatte.
Christiane Ditsch