REINECKE FUCHS von Johann Wolfgang Goethe mit Hans Schwab

"...Dieses ist der Sinn des Gesangs, in welchem der Dichter Fabel und Wahrheit gemischt, damit ihr das Böse vom Guten sondern möget, und schätzen die Weisheit..." (J. W. Goethe). Von Indien über Persien gelangten die Geschichten vom listigen Fuchs mit den allzu menschlichen Zügen in den Mittelmeerraum; erst nach Kleinasien, dann nach Griechenland (Aesop) und Rom (Phädrus). Dann "wanderten" die Geschichten nach Frankreich ("Roman de renard"), bis sie 1487 über Umwege in Holland (Hinrek van Alkmaar) ankamen. Elf Jahre später wurden sie in der uns heute bekannten Form von einem Dichter, dessen Name unbekannt blieb, zum Druck gegeben. Auf dieser Wanderung hat sich das Ensemble der Tiergeschichten nicht allein dem Umfang nach erweitert. Es sättigte sich mit Welt- und Menschenkenntnis, nahm Rechtswissen und Moralbräuche in sich auf und wurde immer mehr zum satirischen Spiegel weltlichen und geistlichen Spiels um Vorteil und Macht.

 

"Reynke de vos" traf den Zeitgeist, war auf der Höhe der sich anbahnenden Reformation (1517) und, so sagte Luther: "Ein werklich Gedicht!".

Und dieses "werkliche", d.h. realistische Gedicht kam knapp 300 Jahre später dem jungen Goethe in die Hände, der es in die nunmehr unsterblich gewordenen Fassung übersetzte und das ganze nannte, was es auch tatsächlich ist: Die unheilige Weltbibel.

"Vor Jahrhunderten hätte ein Dichter dieses gesungen? Wie ist das möglich? Der Stoff ist ja von gestern und heut." (J.W.Goethe).

 


 In der Limesschule mit Erfolg gastiert

 Hans Schwab gab eine gelungenene Vorstellung der Geschichte vom "Reineke Fuchs" - Großer Publikumszulauf

 ALTENSTADT (ia). Der alte Goethe hätte sicher seine Freude an Hans Schwabs Version von "Reineke Fuchs" gehabt, die der Schweizer Schauspieler im Forum der Limesschule zum Besten gab. Bekannt durch seine Kleinkunstbühne "Fresche Keller" in Ortenberg, hat sich Schwab in der Region bereits einen Namen gemacht. An der Limesschule gastierte er nun zum dritten Mal, nach einem Kafka-Text und Johann vom Po, nun im Rahmen der Literaturwoche mit dem Tierepos mit satirischem Einschlag.

Ganz besonders beliebt sind Schwabs literarische Rezitationen, die sich einer großen Zuhörerschaft erfreuen. Hartmut Franz, pädagogischer Leiter der Schule, ist selbst erstaunt darüber, daß sich der Publikumszulauf zu den Schwab'schen Abendvorstellungen von Veranstaltung zu Veranstaltung steigerte. Gemeinsam mit dem Deutschkoordinator Joachim Paech initiierte er die knapp zweistündige Rezitation.

"Wir versuchen mit diesem Konzept die Schule in Zusammenarbeit mit dem Kulturkreis, in das kulturelle Leben der Gemeinde einzubauen", so Hartmut Franz. "Reineke Fuchs" gehört auch zum Programm des zweiten Halbjahrs der Kleinkunstbühne.

Schwab spielt das Ein-Personen-Stück mit Sensibilität und Verstand. Mitwenig Requisiten kommt er aus, mimt den Erzähler und acht, neun Tierfiguren hintereinander in wechselnden Stimmlagen und einer Körpersprache, daß man einmal weinen könnte und im nächsten Moment schon wieder lachen muß. Gefallen tut ihm die Fabel auch, nicht nur weil sie einen aktuellen Bezug zu heute herstellt sondern auch Laster und menschliche Eitelkeiten in sich vereint. "Der Fieseste gewinnt, wie im richtigen Leben", weiß Schwab zu erzählen. Besonnen verkriecht er sich in der Pause hinter einer Lektüre, wirkt fast unnahbar, um dann auf der Bühne wieder zu lärmen, zu begeistern und zu entsetzen.

Der listige, verschlagene Fuchs imponiert ihm, wie schon Goethe sich angeregt fühlte, die bereits im Mittelalter entwickelte Fabel 1793 in Hexameter umzudichten. Doch Goethe war nicht der erste, den die Fabel faszinierte. Schon um 1150 gab es eine frühe Zusammenfassung, den lateinischen "Isengrimus", den "Roman de Renart" um 1200 und den flämischen "Van den Bos Reinaerde" um 1250. 1572 ist eine Neuausgabe durch J. Ch. Gottsched bekannt. Auf der Wanderung durch die Jahrhunderte erweiterte sich die Sammlung der Tiergeschichten mit Welt- und Menschenkenntnis, nahm aber auch die jeweiligen Rechtsbräuche in sich auf und wurde so zum satirischen Spiegel des Spiels um Macht und Vorteil, Geldgier und Verschlagenheit

Der Fuchs rettet sich durch Einschleimen, List, Herauswinden und Schöntun immer wieder vor dem Galgen und erreicht so, daß der König ihm sein Leben schenkt, das die Tiere gefordert hatten, weil Reineke Fuchs sie immer wieder schändete.

Letztendlich ist er das Inbild des Intriganten wie er "gestern und heute" in der Gesellschaft zu finden war und ist.


Große Erzählkunst auf kleiner Bühne

Hans Schwab gastiert mit Goethes »Reineke Fuchs« auf der Kleinkunstbühne »Alte Feuerwache«

Bad Nauheim (sw). Die Bad Nauheimer Kleinkunstreihe startete mit einem gelungenen Auftakt in die Saison. Das veranstaltende Kulturamt der Stadt hatte den Ortenberger Schauspieler und Kleinkünstler Hans Schwab auf die Bühne der »Alten Feuerwache« eingeladen. Schwab gastierte mit dem Gesang "Reineke Fuchs« von Johann Wolfgang Goethe, der bereits mehrfach in der Region zu sehen und vor allem zu hören war (die WZ berichtete ausführlich darüber).

Hans Schwab ist für die Nauheimer Kleinkunstbesucher inzwischen so etwas wie ein guter alter Bekannter und folglich ein Garant für einen Kleinkunstabend der besonderen Art. Mit zahlreichen Gastspielen verschiedenster Art hatte er in den Jahren zuvor die Kleinkunstreihe bereichert. Nicht zuletzt wegen dieser Popularität des Künstlers und des Werkes füllten sich auch an diesem Abend die Sitzreihen der »Alten Feuerwache« fast bis auf den letzten Platz.

»Die unheilige Weltbibel«

Die Bühne in ein stimmungsvolles, fast geheimnisvolles Licht getaucht, betritt Schwab das Podium. Kostümierung und Maske spiegeln etwas von dem wieder, was in den nächsten 90 Minuten für hohe Erzählkunst sorgen wird. Mit ruhiger, klarer Stimme trägt Schwab den »Reineke Fuchs« vor, den Goethe einst die unheilige Weltbibel nannte. Und fortan erwachen alle »Protagonisten« der Fabel durch Schwabs gekonnten Vortrag zum Leben. Von List und Tücke, dem Bösen und dem Guten ist da die Rede, und Dichtung und Wahrheit liegen erschreckend nahe beieinander.

Durchweg erzeugt Schwab eine eindringliche Spannung bei seinen Zuhörern und weiß diese zum Schluß noch einmal zu steigern: Der Kampf um Leben und Tod zwischen Reineke Fuchs und dem Wolf Isegrimm trägt er mit einer außerordentlich fesselnden Eindringlichkeit vor. Das Publikum dankte es seinem Erzähler mit reichlichem Applaus.

(Wetterauer Zeitung v. 3.2.97)


 Goethes "Reinecke Fuchs" hat nichts an Aktualität eingebüßt

 Hans Schwab sorgte zudem mit einem „Tierepos aus der Neuzeit“ für Heiterkeit

 ORTENBERG. "Vor Jahrhunderten hätte ein Dichter dieses gesungen ? Wie ist das möglich ? Der Stoff ist ja von gestern und heute", sagte Johann Wolfgang von Goethe über die Geschichte von Reineke Fuchs, die als "Reynke de vos" zu dessen Zeit schon fast dreihundert Jahre alt war. Goethes „unheilige Weltbibel“, wie er seine Übersetzung nannte, hat auch heute, nach weiteren zweihundert Jahren, nichts an Aktualität verloren.

Hans Schwab schlüpfte am Wochenende mühelos in die Rollen aller in dieser Fabel vorkommenden Tiere. Vom neuen Haarschnitt her - kurz, spitz zulaufend in die Stirn gekämmt und mit blonden Strähnchen - erinnerte er tatsächlich an einen listigen Fuchs. Aber auch Isegrimm, den rachedurstigen Wolf, Braun, den tapsigen Bären oder den im Laufe der Geschichte einäugigen Kater Hinze nahm man ihm ohne weiteres ab. Nur durch Stimme und Mimik verwandelte er sich sekundenschnell vom Dachs über den König zum Hahn - und immer wieder in Reineke Fuchs, der sie alle überlistete, der sich aus jeder noch so aussichtslosen Situation herauswand - immer auf Kosten der anderen.

Da wurde gelogen und betrogen, geschändet und geschunden, getötet und gefressen, und die Dummen waren immer wieder die Ehrlichen, die Kleinen, die nur Gerechtigkeit wollten. Allerdings hatten auch sie ihre Schwächen, die von Reineke Fuchs gnadenlos ausgenutzt und ihnen so zum Verhängnis wurden. Schon bei Goethe hieß es: "Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man.. regieren !"

Es gab dem Publikum zu denken, dass Reineke Fuchs als Sieger aus allem her vorging, vom König zum Kanzler des Reiches ernannt wurde - und plötzlich sehr viele Freunde hatte.

Für mehr Heiterkeit als Nachdenklichkeit sorgte die Zugabe von Hans Schwab die er als "Tierepos aus der Neuzeit“, ankündigte. In dieser "Geschichte aus den Leben" ging es um seinen freilaufenden Hund Chico und einen „Deckakt" mit einer ebenfalls nicht angeleinten Hündin. Das, was die beiden taten und die Folgen daraus beschäftigten nicht nur die Besitzer der Tiere, einen Tierarzt und zwei Rechtsanwälte, sondern auch noch das Amtsgericht, das im „Namen des Volkes“ den Missetäter freisprach. Jener habe nur einem natürlichen Trieb nachgegeben. Für die Verhütung oder noch eher die Verhinderung des Vollzugs bei der zwar vornehmen aber im entscheidenden Moment nur allzu bereiten Hundedame wäre nach Meinung des Richters deren Frauchen zuständig gewesen.